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Alkohol, ein kulturhistorischer Abriss

Description:  In der Umgangssprache werden mit Alkohol heute vornehmlich Getränke bezeichnet...
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ISBN: 3593363372   ISBN: 3593363372   ISBN: 3593363372   ISBN: 3593363372 
 
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Alkohol, ein kulturhistorischer Abriss (am Beispiel von Europa)

"Dieser anonym eingereichte Beitrag basiert im wesentlichen auf dem Aufsatz von Hasso Spode: "Alkoholische Getränke", in: Hengartner T., Merki C. und Christoph M. (Hrsg.): Genussmittel - Ein Kulturgeschichtliches Handbuch. Frankfurt 1999."



Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung                                                            

1.1 Einleitung

1.2Wirkung des Alkohols

1.3Auswirkungen des Alkoholkonsums

2. Geschichte des Alkohols                                    

2.1 frühe Hochkulturen und griechisch-römische Welt / Alkohol und mystischer Rausch

2.2 Mittelalter / Alkohol als Nahrungsmittel

2.3 Neuzeit / Rückgang des Alkoholkonsums / „guter“ und „schlechter“ Rausch

2.4 19. und 20. Jahrhundert / Alkohol als Genussmittel, gesellschaftliche Probleme

3.   Abstinente Kulturen                                           

4. Fazit                                                                    

- Alkoholkonsum  um 1900 in Deutschland und Italien           

- Reinalkoholverbrauch in Deutschland von 1900 bis 1997     

- Alkoholkonsum nach in Deutschland von 1900 bis 1997      



1. Einleitung

1.1 Definition

In der Umgangssprache werden mit Alkohol heute vÿý”éI‘îmY‘—&²ÍEµ‘Ô– 끦¡GŽ=èÑßê­I©nH¸”V| ÿû’`¾ ¸NWS Kj8g enthalten. Lebensmittelrechtlich unterscheidet man die Großgruppen Bier (ca. 5% Alkohol), Wein (ca. 10% Alkohol) und Spirituosen (von 15% bis zu 80% Alkohol). Das Wort Alkohol existiert in der heutigen Bedeutung erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es der Wissenschaft das erste mal gelang den Alkoholgehalt von Flüssigkeiten zu bestimmen. Zwar war seit dem 17. Jahrhundert bekannt, dass eine bestimmte Substanz in Getränken berauschend wirkte, doch bezeichnete man diese als „Oel“ oder „Spiritus“.

1.2 Wirkung des Alkohols

Eine halbe Stunde nach dem Konsum von Alkohol entfaltet dieser seine größte Wirksamkeit. Der fett- und wasserlösliche Alkohol dringt über die Blutbahn in das Gehirn und die Nervenzellen vor und verursacht dort eine Veränderung der Motorik, des Denkens und des Fühlens. Diese Phänomene äußern sich z.B. in einem veränderten Wärmeempfinden, einer Gesichtsfeldeinschränkung („Tunnelblick“) und einem Verlust über die motorischen Fähigkeiten („torkeln“, „lallen“, etc.). Die Wirkung von kleinen bis mittleren Dosen (0,5 – max. 2 Promille Alkohol) wird als „enthemmend“ und „anregend“ beschrieben, wohingegen hohe Dosen (mehr als 2 Promille) zu einem totalen Kontrollverlust führen können. 

Allerdings wird die Art sowie die Intensität dieser Symptome stark von psychischen Faktoren beeinflusst. So gaben Personen bei einem Test an, deutliche Auswirkungen des Alkohols zu spüren, obwohl sie nur alkoholfreie „Placebodrinks“ erhalten hatten. Auch der durch die Dehydrierung verursachte „Kater“, der nach Alkoholkonsum auftreten kann, ist stark von psychischen Faktoren geprägt.

1.3 Auswirkungen des Alkoholkonsums

Die Auswirkungen des Alkoholkonsums richten sich sehr stark nach der konsumierten Menge. Der Konsum kann negative wie auch positive Auswirkungen haben. Schätzungen über die Mengen, welche eine gesundheitsfördernde Wirkung nach sich ziehen, gehen weit auseinander. Sie reichen von einem wöchentlichen Konsum von 70 bis 350 Gramm reinen Alkohols. Bei einer Dosierung in dieser Größenordung spielt es keine Rolle wie der Konsum über die Woche verteilt wird, um die gesundheitsfördernde Wirkung zu erzielen. Geht man von einem mittleren Wert der Schätzungen (25 Gramm Reinalkohol pro Tag) aus, so kommt man zu einem Konsum von ca. 5 Liter Bier oder ca. 2,5 Liter Wein pro Woche, der als gesundheitsfördernd angesehen werden kann (bei Männern, Frauen ca. 1/3 weniger).

Die positiven Wirkungen zeigen sich z.B. in einem verminderten Risiko von Herzgefäß-erkrankungen oder Schutz vor Altersdiabetes. Steigt der Alkoholkonsum über die erwähnten Maße an, so ergeben sich aber zahlreiche negative Auswirkungen. Diese treten zwar erst nach einem längerfristigen überhöhten Konsum auf, dann allerdings fast ausnahmslos alle Organe betreffend. Die am häufigsten auftretende Folgekrankheit von übermäßigem Alkoholkonsum ist die Leberzirrhose, gefolgt von Schädigungen des Verdauungstrakts und des zentralen Nervensystems. Das „Jahrbuch Sucht ´95“ der „Hauptstelle gegen Suchtgefahren“ gibt die Zahl der „Alkoholtoten“ in Deutschland mit 30 - 40.000 pro Jahr an (einschließlich Unfälle im Zusammenhang mit Alkohol), dies sind ca. 3% aller Todesfälle. Andere Schätzungen gehen aber von einer Quote von bis zu 10% der alkoholbedingten Sterbefälle an der Gesamt-Mortalität aus. Die akute Alkoholvergiftung (ab ca. 2,5 Promille) zieht in der Regel keine Langzeitschäden nach sich, ist aber in de Hinsicht gefährlich, dass der mit ihr einhergehende Kontrollverlust die Gefahr von Verletzungen durch Unfälle extrem erhöht.



2. Geschichte des Alkohols

2.1 frühe Hochkulturen und griechisch-römische Welt / Alkohol und mystischer Rausch

Der Konsum von Alkohol kann bis ins Jahr 8000 vor Christus zurückverfolgt werden, als im vorderen Orient die Ackerbaukulturen begannen aus dem angebauten Getreide Bier zu brauen. Die Geschichte des Weins reicht nicht ganz soweit zurück, erst die Ägypter erzeugten ab dem 4. Jahrtausend vor Christus systematisch ein Getränk, das unserem Wein vergleichbar ist. Parallel zum Prozess des Sesshaftwerdens kam es in zahlreichen Kulturkreisen der Welt zu den ersten getreideanbauenden Kulturen. Unterschiede ergaben sich bei der Art des Getreides und dem Beginn der  Braukultur. In Ostasien kam das Hirse- und Reisbier im 4. Jt. v. Chr. auf, in Amerika das Maisbier  im 3. Jt. v. Chr.  und in Afrika das Hirsebier im 2. Jt. V. Chr.. In diesen Kulturen erlangte das Bier schon einen enormen Stellenwert als Nahrungs-mittel, wodurch es seine frühere Besonderheit als Rauschtrank im Gegensatz zu Wasser schnell einbüßte. Eine Bierproduktion im größeren Stil entstand aber erst mit den Priesterkönigtümern im Bereich des Nils und des Euphrats. In Mesopotamien[1] wurde über ein Drittel der Getreideernte zu Bier veredelt, welches auch Bestandteil des Lohnes war. Priester erhielten 5 Liter am Tag[2], Tempelarbeiter hingegen nur einen. Im Ägypten der Pharaonen gab es die ersten staatlich kontrollierten Brauereien, die eine ganze Palette an unterschiedlichen Bieren herstellten, vom einfachen Gerstenbier, dem taq, bis zu süßlichen Starkbieren. Obwohl aus dieser Kultur durchaus mahnende Worte überliefert sind („Übernimm dich nicht beim Biertrinken (...). Du fällst und deine Glieder versagen. Kommt man dich suchen, findet man dich am Boden liegen. Du bist wie ein kleines Kind“), war Rausch an Festtagen noch eine kulturelle Pflicht. Pharao, PriesterInnen und Hofbeamte betranken sich bis zur, als heilig angesehenen, Bewusstlosigkeit.

Im Gegensatz zu diesen „Bier-dominierten“ Kulturen, gab andere Kulturkreise, die stark vom Wein geprägt waren. Die beiden dominierenden Weinkulturen waren die Römer und die Griechen, wobei allerdings deutliche Unterschiede in den Konsummustern zu erkennen sind. Im 2. Jt. v. Chr. war Wein in Kreta ein sehr beliebtes Getränk. Homer berichtet über die Bedeutung des Weines als Nahrungsmittel, der mit Wasser vermischt getrunken werden sollte (im Verhältnis von 1:1 bis 1:5). Den Wein unverdünnt zu trinken galt als Zeichen des Säufers. Trotz dieser „Benimmregeln“, waren Trinkgelage (sog. Symposien) ein gesellschaftliches Ereignis, bei denen es auch nicht als peinlich galt sich zu erbrechen. Neben seiner Funktion als Nahrungsmittel besaß der Wein bei den Griechen auch noch eine Art mystische Funktion. Der Rausch wurde als erkenntnisförderndes Mittel angesehen. Erst im berauschten Zustand bestand die Möglichkeit zwischen „normaler“ und „heiliger“ Welt Kontakt aufzunehmen.  Besonders deutlich zeigt sich die sakrale Funktion des Weines darin, dass die Griechen einen Gott des Weines kannten, Dionysos „der Rasende“. In der homerischen Zeit[3] kam der Wein auch nach Italien und somit zu römischen Kultur. Hier entwickelte sich aber eine andere Art der Trinkkultur. Der Wein verlor seine mystische Bedeutung und der Rausch wurde profanes Vergnügen. Zeitweilig galt aber sogar das systematische Berauschen mit Wein als verfehlt. Im Jahr 186 v. Chr. stellte der römische Senat die von den Griechen übernommenen Symposien unter Strafe. Erst in der Kaiserzeit lebten sie wieder auf, erfreuten sich dann allerdings auch unter den Kaisern großer Beliebtheit (der Kaiser Tiberius wurde wegen seiner, bis zur Handlungsunfähigkeit führenden Trinkgewohnheiten auch als Biberius verspottet).

Die Bedeutung des Weins als Agrarprodukt und Nahrungsmittel wurde im römischen Reich zu jeder Zeit als wichtig angesehen und der Anbau und die Verarbeitung der Weintrauben wurde  bei den Römern zu einer echten Wissenschaft. Lehrbücher wurden verfasst und Beschränkungen erlassen welche Zusatzstoffe in Wein sein durften. Es gab ca.185 verschiedene Sorten Wein. Die Bedeutung als Nahrungsmittel ist ähnlich wie in der griechischen Kultur anzusiedeln. Das Wissen um die gesundheitsfördernder Wirkung von in Maßen genossenem Wein war auch schon den Römern bekannt. So erklärt sich auch, dass sogar Sklaven eine tägliche Portion Wein erhielten, vermutlich um die positive Wirkung des Weins auf die Gesundheit auszunutzen und so den Wert des Sklaven zu erhalten.

Eine besonders große Rolle, in kultureller und sozialer Hinsicht, nahm der Bierkonsum bei den Germanen ein. Ihnen war lediglich die Hausbrauerei bekannt, weshalb das Bier

vermutlich nicht den Sprung zum Alltagsgetränk schaffte. Die kultische Bedeutung des Getränks war aber enorm. Wichtige Beschlüsse wurden nur im berauschten Zustand getroffen, wobei jeder die gleiche Menge erhielt und ein Trinkzwang herrschte, damit niemand Vorteile aus dem Rausch des anderen ziehen konnte. Der Stellenwert des Bieres spiegelt sich auch darin wieder, dass die Germanen sich den Himmel als riesigen Braukessel vorstellten und die wichtigsten Götter der Ekstase verbunden waren (Odin = „der Begeisterte“ und Wotan = „der Wütende“[4]).

2.2 Mittelalter / Alkohol als Nahrungsmittel

Im Rahmen der Christianisierung verschwand diese „germanische“ Art der Trinkkultur, da die Missionare erklärten, niemand dürfe zum Rausch gezwungen werden. Im Gegenzug zur Abnahme der kultischen Dimension des Alkohols, nahm seine Bedeutung als Nahrungsmittel immer mehr zu. Karl der Große verabscheute die Trunkenheit, sah sich aber gleichzeitig dazu gezwungen, die Bier- und Weinproduktion zu fördern. Wasser war aus gesundheitlichen Gründen nicht geeignet, den Durst der Bevölkerung zu stillen. Insb. in den Städten wurden fast ausschließlich alkoholische Getränke konsumiert. Bier war das Getränk der unteren Schichten, wohingegen Wein dem gehobenen Bürgertum vorbehalten blieb. Zu Beginn des Mittelalters war der Hausbrau die dominierende Herstellungsmethode und diente einzig der Selbstversorgung, erst im Spätmittelalter kam das ökonomische motivierte Braugewerbe auf. Parallel zum Aufstieg der Städte bildeten sich zunftähnliche Zusammenschlüsse. Wein setzte sich nördlich der Alpen erst mit der Christianisierung durch, erreichte aber als Nahrungsmittel niemals die Bedeutung von Bier. Er blieb, wie schon erwähnt, den wohlhabenderen Bürgern vorbehalten, da er zwischen drei- (in Südeuropa) bis zwanzig mal (Nordeuropa) so teuer war wie Bier. Vermehrt wurde der Wein nun auch pur und nicht mehr verdünnt getrunken, wie es die südeuropäischen Kulturen praktizierten. Gegen Ende des Mittelalters lag der Konsum in oberdeutschen Städten bei ca. 1 Liter pro Tag, aber auch bis zu 4 Litern galten nicht als unmäßig[5]. Der Konsum von Bier kann nicht so genau beziffert werden, da über die unfreie Landbevölkerung keine genauen Zahlen vorlagen, man kann aber von einem Tageskonsum von ca. zwei Litern am Tag für die erwachsene Bevölkerung ausgehen. Ein Unterschied bei den Konsummustern zwischen Frauen und Männern existierte damals noch nicht, aber zu den sog. Gelagen[6] traf man sich getrennt. Kinder tranken zu dieser Zeit ebenfalls Bier, allerdings weniger und leichteres Bier als die Erwachsenen, Wein wurde erst zum 14. Lebensjahr empfohlen.

2.3 Neuzeit / Rückgang des Alkoholkonsum, „guter“ und „schlechter“ Rausch

Mit dem Beginn der Neuzeit hatte der Alkohol seinen Zenit überschritten. Das Aufkommen der alkoholfreien Heißgetränke, die auch Wasser gesundheitsverträglich trinkbar machten,  hatte maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung. Wein entwickelte sich weiter zum Luxusgut, wobei insb. das Aufkommen von Glasflaschen mit gasdichten Korken beitrugen, die den Wein lagerfähig machten. Seine ökonomische Bedeutung für einige Regionen ging zurück[7].

Bier verlor an Bedeutung, ohne  aber zum exklusiven Gut zu werden. Zwar setzte mit der, mit dem 30-jährigen Krieg einhergehenden, Verarmung ein Rückgang der Brauindustrie ein, doch wurden im Hausbrau weiterhin qualitativ schlechte Biere hergestellt.  

Weniger wichtig für den Niedergang der klassischen alkoholischen Getränke als das Aufkommen der Heißgetränken waren die erstmalig öffentlich erhältlichen Spirituosen. Schon im 11. Jahrhundert gelang es das erste mal Wein zu destillieren und so eine hochprozentige Flüssigkeit zu erzeugen. Allerdings blieb dieses Geheimnis bis zum Ende des 15. Jahrhunderts in Alchimistenkreisen. In der beginnenden Neuzeit hatten die Brandweine eine „Zwitterstellung“ als Genussmittel und Heilmittel inne. Ärzte lobten die heilende und protektive Wirkung der Brandweine für die Gesundheit. Nicht verwunderlich, dass sie anfangs zum größten Teil in Apotheken vertrieben wurde. Der Konsum blieb auf reiche Bürgerschichten und auf einem Liter pro Kopf und Jahr beschränkt.

Eine Ausnahme bildet die sog. „Gin-Epidemie“ in England im beginnenden 18. Jahrhundert.

Die Erhöhung der Biersteuer hatte zu Folge, dass die sozial schwachen Schichten ein Substitut für das Bier benötigten. England wurde mit Gin[8] nahezu überschwemmt, der pro Kopf-Verbrauch verzehnfachte sich bis 1750. Die ungewohnt hohe Alkoholkonzentration in Gin, führte zu einer „neuen Art der Trunkenheit“, die exzessiver ausfiel als die bisher bekannte. Im bürgerlichen Stand, der sich weiterhin Bier und besseren Brandwein leisten konnte, galt der gesellschaftlich zu ächtende Gin als das„Gesöff der Pöbels“, während Bier und andere alkoholische Getränke weiterhin akzeptiert wurde. Das erste mal in der Geschichte des Alkohols kam es zu einer Unterscheidung zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Rausch.   1751 dämmte man den Gin Verbrauch durch Erhebung von Steuern ein, allerdings blieb eine Vielzahl von behinderten Menschen zurück, die im Mutterleib Schäden davongetragen hatten.[9]

2.4 19. und 20. Jahrhundert / Alkohol als Genussmittel, gesellschaftliche Probleme

Der Bierabsatz schwankte während dieser Zeit erheblich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sank er auf unter 20 Liter (in Preußen), um mit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte wieder rasant anzusteigen (bis 1900 auf 120 Liter)[10]. Die kapitalistische Entwicklung in Europa hat zweierlei Auswirkung auf den Bierkonsum. Der erste banale Grund waren die höheren Produktionsmengen durch industrialisierte Herstellung, der zweite, eng damit verknüpfte, war die Erhebung des Bieres zum „Sozialdemokratischen Saft“. Die sich im Bildungsprozess befindliche Arbeiterbewegung traf sich vornehmlich in Kneipen, was natürlich zu der Herausbildung einer „proletarischen Trinkkultur“ führte. Mit dieser Entwicklung einher ging die Verlagerung des Alkoholkonsums von der Arbeit in die Freizeit. Alkoholische Getränke waren keine Nahrungsmittel mehr, sondern wurden mehr und mehr zu einem Genussmittel. Die Deklarierung des bayrischen Reinheitsgebots von 1516 im gesamten deutschen Raum im Jahr 1906 und die damit verbundene untergärige Brautechnologie verhalf dem deutschen Bier zu Weltruhm und zum Symbol nationaler Identität für die deutsche Bevölkerung. Ähnliche Prozesse wie im deutschen Reich ließen sich vornehmlich in Europa beobachten, wobei Unterschiede in der Konsummenge bestanden (Belgien 220 und England 140 l mit dem höchsten Konsum, Schweden 60 l, Dänemark 95 l / alle Zahlen um 1900)[11]. Heute ist Bier mehr Genuss- als Nahrungsmittel, wobei ihm durchaus noch Merkmale von einem Nahrungsmittel anhängen, in Bayern gilt es ohnehin noch als Grundnahrungsmittel.    Die bis zu dieser Zeit bestehenden Unterschiede zwischen Bier oder Wein bevorzugenden Kulturen hat sich  erhalten[12]. Im klassischen Weinland Italien lag der pro Kopf Konsum von Bier um 1900 bei lediglich 1 Liter! Ein Grund hierfür war wohl die Entwicklung des Weines zum Luxusgut in den vorhergegangenen Epochen,  abgesehen von den Anbaugebieten selbst. Hier blieb er weiterhin Alltagsgetränk, mit Konsummengen ähnlich dem Bier in Nordeuropa (Frankreich 175 l, Italien und Spanien 100 l / zum Vergleich Deutschland 5 l, alle Zahlen um 1920)[13]. Auch der Wein  vollzog die Entwicklung vom Nahrungs- zum Genussmittel, obwohl ihm zeitweise noch eine gewisse spirituelle Komponente zugedacht wurde. So ist die Romantik ohne Wein kaum vorstellbar. Sie erhob den Wein zum „dionysischen Erkenntnistrunk“ und deutsche Intellektuelle das „Gelage“ zur „Zechkunst“ und „deutschen Nationaltugend“. Erst nach dem zweiten Weltkrieg verbreitet sich der Weinkonsum auch über die Anbaugebiete hinaus, allerdings als reines Genussmittel. Heute ist Wein v.a. ein Mittel seinem sozialen Status Ausdruck zu verleihen. Von den traditionellen Trinkmotiven und –mengen ist wenig bis gar nichts erhalten geblieben. Diese Entwicklung zeigen auch die sog. Schaumweine, die es zwar schon seit rund 1700 gibt, aber erst im 20. Jahrhundert eine gewisse Popularität erreichten. Ihnen haftet durch künstlich hoch gehaltene Preise eine gewisse Exklusivität an, die ihnen (insb. dem Champagner) einen Hauch von Besonderem und  nicht Alltäglichem geben und aus diesem Grund besonders zu feierlichen Anlässen konsumiert werden.

Der Beginn der „alkoholischen Moderne“ wird durch den stark gestiegenen Brandwein-konsum der unteren Schichten, im endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert markiert. Die Oberschicht trank Brandwein hoher Qualität und häufig in Mixgetränken, während das Proletariat schlechten „Fusel“ konsumierte, häufig aus eigener Herstellung. Die alten Trinkgewohnheiten, sprich Menge und Periodizität, wurden nahezu unverändert auf die hochprozentigen Getränke übertragen, was zu einer sozialen und gesundheitlichen Verwahrlosung ganzer Schichten führte (Konsum um 1900: Dänemark 20 l, Deutschland, Niederlande, USA, Österreich, Frankreich alle ca. 10 l)[14]. Die unerwünschten Effekte der Modernisierung (Massenverelendung und -arbeitslosigkeit,...) wurden ebenfalls dem Alkohol zugeschrieben.  In den USA und Großbritannien, vereinzelt auch in Kontinentaleuropa, bildeten sich erste Zusammenschlüsse, die Mäßigkeit oder gar Abstinenz im Umgang mit Alkohol propagierten. Gleichzeitig mit dieser Entwicklung kam das erste mal die Auffassung auf, dass schwerer Alkoholmissbrauch eine Krankheit mit dem Namen „Alkoholismus“ sei. Ausgehend von der Stigmatisierung  der hochprozentigen Getränke als „Feind der Arbeiterklasse“, dehnte sich die Auffassung, Alkohol sei „ein künstliches Keimgift“ aus. Der Konsum führe dazu, dass die Gesellschaft durch diejenigen belastet würde, die nicht maßvoll damit umzugehen wüssten. Die Prohibition von  Alkohol wäre also nur eine Form der Notwehr der „anständigen Bevölkerung“ und deshalb durchaus als legitim anzusehen. Unter dem Druck dieser erstarkten Lobby wurde in Europa zumindest der Brandweinkonsum erschwert. Schanklizenzen wurden eingezogen und die Fördermengen stark gedrosselt. Um die Fabriken am laufen zu halten, subventionierte man die Brennspiritus Herstellung. In Europa unterschied man nun wie schon während der „Gin-Epidemie“ zwischen „gutem“ (sprich Bier und Wein) und „schlechtem“ (sprich Brandwein) Alkohol. Dies führte zu einem Rückgang des Alkoholkonsums.  In den USA gab es diese Unterscheidung nicht. Die Prohibition generalisierte Alkohol als „Gift für die Gesellschaft“.1917 setzte sie Antialkohollobby die Änderung der Verfassung und damit das totale Verbot von Alkohol durch. Produktion und Handel mit Produkten die mehr als 0,5% Alkohol enthielten, waren fortan verboten. Althergebrachte Sitten von großen Bevölkerungsteilen wurden kriminalisiert. Man versprach sich von dem Verbot einen „heilsamen gesellschaftspolitischen Effekt“, der allerdings ausblieb. Zwar verringerte sich der Alkoholkonsum um ca. 40 – 60%[15]. Die Kriminalisierung  führte natürlich zu steigenden Preisen, was wiederum bewirkte, dass Finanzschwache  nur billige, häufig unreine Getränke konsumierten die stark gesundheitsschädigend waren. Für die 20er Jahre wird die Zahl der an Vergiftungen in Folge von Alkoholkonsum gestorbenen (nicht an den Langzeitfolgen!) auf 35.000[16] geschätzt. Das organisierte Verbrechen entstand erst mit der Prohibition und erwirtschaftete enorme Gewinne. 1933 wurde die Prohibition wieder aufgehoben.[17] Nachdem sich gezeigt hatte, dass der Weg der Prohibition keinen erfolg versprach, kam es in einzelnen Ländern zur sog. „rassenhygienischen Sicht des Alkoholproblems“. Starke Trinker galten als Erbminderwertig und wurden zwangssterilisiert, insb. die skandinavischen Länder gingen  diesen Weg. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 wurden „Alkoholkranke“ im Rahmen des „Gesetztes zur Verhütung von erbkranken Nachwuchs“ unfruchtbar gemacht (ca. 30.0000)[18] und später in Konzentrationslagern interniert.  Nach dem zweiten Weltkrieg stieg der Alkoholkonsum bis in die 80er Jahre wieder an.[19]

Heute sind Spirituosen, insb. Cocktails und Longdrinks bei der jüngeren Bevölkerung beliebt. Sie sollen das Gefühl der großen weiten Welt vermitteln. In den osteuropäischen Ländern werden Weinbrände auch weiterhin pur getrunken (Litauen 40 l ).


3. „Abstinente“ Kulturen

Es gibt nur sehr wenige Kulturen die Alkohol nur im medizinischen Sinne gebrauchten und jeden anderen Gebrauch als Missbrauch definierten. Allerdings gibt es zahlreich Sekten die Abstinenz als Zeichen spiritueller Reinheit begreifen und praktizieren. Es handelt sich aber fast ausnahmslos um unwichtige Randerscheinungen von Gesellschaften. Einzig  dem Propheten Mohammed ist es gelungen als Vertreter der Abstinenz die Vorherrschaft in einem Kulturkreis zu erlangen. Aber auch er schaffte es nicht sie durchzusetzen. Im Koran[20] wird Weingenuss zwar gemeinsam mit Pfeilewerfen um Kamele und dem Abbilden von Gottes Geschöpfen verboten. Andererseits wird Wein als Belohnung im Paradies ausgelobt und seine Eigenschaften werden in Sure 16:69 gepriesen. Hochrangige Gelehrte legten den Koran einmal so aus, dass Weinkonsum auf Reisen und aus gesundheitlichen Gründen durchaus gewährt sei. Bier und Brandwein blieben hingegen verboten. Nichts desto trotz fallen die Konsummengen in islamischen Ländern heute sehr viel geringer aus als in den westlichen Kulturkreisen. So ist es durchaus üblich das in Lokalen kein Alkohol ausgeschenkt wird. Die säkularen islamischen Staaten (insb. Iran und Saudi-Arabien) haben im Laufe des 20. Jahrhunderts die Prohibition wieder aufleben lassen, aber nicht aus gesellschaftspolitischen Gründen wie in den USA, sondern aus religiösen Motiven. Die ländliche Bevölkerung in diesen Regionen scheint diese Einstellung zu teilen, während die städtische Bevölkerung sich über den Schwarzmarkt versogt. Es entstehen die gleichen Probleme wie schon in den 20er Jahren in den USA.

Aber auch in unserem Kulturkreis scheinen auch manche Personen dem Paradigma der „rauschlosen Gesellschaft“ anzuhängen, wie ließe sich sonst eine Aussage vom konservativen Altbundeskanzler Helmut Kohl erklären: „Unser Ziel muss eine Gesellschaft sein, die den Rausch einmal genauso ächtet wie den Kannibalismus.“ [21] (Auf in die „schöne neue Welt“ Anm. des Verf.)

 

4. Fazit

Besonders interessant an der Geschichte des Alkoholkonsums sind meiner Ansicht nach die gesellschaftlichen Reaktionen auf die aus dem Konsum resultierende Problemen.

Die Gin-Epidemie zeigte, dass auch schon früher im Bezug auf Rauschmittel mit zweierlei Maß gemessen wurde, wie es heute Gang und gäbe ist.

Die negativen Auswirkungen von Kriminalisierungen spiegeln sich in ihrem ganzen negativen Maße in der Prohibition in den USA wieder. Die 30.000 Vergiftungstoten zeigen eine traurige Parallele zu den heutzutage zu beklagenden Drogentoten auf, die zum größten Teil nicht durch die Auswirkungen der Droge selbst umkommen, sondern durch die mit dem Konsum verbundenen Lebensumstände, insb. intravenös gebrauchenden Heroinabhängige sind von diesen Problemen betroffen.

Eine weitere interessante Frage ist die Frage „was zuerst da war, das Ei oder das Huhn?“. Gemessen an heutigen Maßstäben müsste man alle Menschen in Zentraleuropa des Mittelalters als  Alkoholsüchtige bezeichnen. Bestand diese Gesellschaft also fast ausschließlich aus „chronisch (vielleicht noch nicht mehrfach-) geschädigten Abhängigen“ (=CMA), wie Heroinsüchtige heute oft klassifiziert  werden, oder  hat vielleicht erst das Aufkommen einer fixen Idee dazu geführt, dass Alkoholkonsum ab bestimmten Mengen mit Sucht gleichzusetzen und gesellschaftlich zu ächten ist? Die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von übermäßigen Alkoholkonsum sind empirisch belegt und in einer ernsthaften Diskussion nicht anzuzweifeln, aber die heute anzutreffenden sozialen Auswirkungen von „Alkoholsucht“ scheinen doch vielmehr ein Ergebnis der Gesellschaft und ihrer Normen zu sein, als ein Produkt der Droge Alkohol.


 

Quellenverzeichnis

Hengartner T., Merki C. und Christoph M. (Hrsg.): Genussmittel – Ein Kulturgeschichtliches Handbuch. Frankfurt 1999

Hasso Spode: Alkoholische Getränke, in: Hengartner, Thomas/Christoph M. Merki (Hrsg.): Genußmittel. Eine Kulturgeschichte, 2. Aufl., Frankfurt a.M./Leipzig 2001

Renggli und Tanner: Das Drogenproblem. Berlin 1994

Schneider W.: Drogenmythen, Zur sozialen Konstruktion von „Drogenbildern in Drogenhilfe, Drogenforschung und Drogenpolitik. Berlin 2000

www.landesstelle-berlin.de/websites/druginfo/alk.htm (am 18.5.02  um 1743)

 

Abbildungen

 

 

 

 

Daten der Abbildungen alle aus: Hengartner T., Merki C. und Christoph M. (Hrsg.): Genussmittel – Ein Kulturgeschichtliches Handbuch. Frankfurt 1999



[1] Heute der  Irak

[2] Daten aus: Hengartner T., Merki C. und Christoph M. (Hrsg.): Genussmittel – Ein Kulturgeschichtliches Handbuch. Frankfurt 1999

[3] in etwa 8. Jh. v. Chr.

[4] Vergleiche Dionysos bei den Griechen

[5] Daten aus: Hengartner T., Merki C. und Christoph M. (Hrsg.)

[6] Vergleiche die griechischen Symposien

[7] Im Mittelalter umfassten die Anbaugebiete zeitweilig mehr als das fünffache der heutigen Flächen

[8] Mit Gin wurde damals jede Art von Billigbrandweinen bezeichnet.

[9] Siehe dazu: Renggli und Tanner: Das Drogenproblem. Berlin 1994. Seiten 42-57

[10] Daten aus: Hengartner T., Merki C. und Christoph M. (Hrsg.)

[11] Daten aus: Hengartner T., Merki C.  und Christoph, M. (Hrsg.)

[12] Siehe Abbildung 1

[13] Daten aus: Hengartner T., Merki C. und Christoph M. (Hrsg.)

[14] Daten aus: Hengartner T., Merki C. und Christoph M. (Hrsg.)

[15] Daten aus: Renggli und Tanner: Das Drogenproblem. Berlin 1994

[16] Daten aus: Renggli und Tanner

[17] siehe dazu: Renggli und Tanner: Das Drogenproblem. Berlin 1994 Seiten 58- 65

[18] Daten aus: Renggli und Tanner

[19] Siehe Abbildungen zwei und drei

[20] genauer in Sure 5:90f.

[21] zitiert nach: Schneider W.: Drogenmythen, Zur sozialen Konstruktion von „Drogenbildern“ in Drogenhilfe, Drogenforschung und Drogenpolitik. Berlin 2000

  
Genussmittel: Ein kulturgeschichtliches Handbuch
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